{"id":16628,"date":"2026-05-01T15:30:50","date_gmt":"2026-05-01T13:30:50","guid":{"rendered":"https:\/\/student.unifr.ch\/spectrum\/?p=16628"},"modified":"2026-05-01T23:07:13","modified_gmt":"2026-05-01T21:07:13","slug":"alles-ist-politisch-nichts-ist-unpolitisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/student.unifr.ch\/spectrum\/de\/2026\/05\/alles-ist-politisch-nichts-ist-unpolitisch\/","title":{"rendered":"Alles ist politisch \u2013 nichts ist unpolitisch"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Filme verlieren bei Preisverleihungen, weil sie als zu politisch wahrgenommen werden. Filmschaffende bezeichnen sich als unpolitisch, wollen politische Aussagen vermeiden. Aber welcher Film ist schon frei von jeglicher politischen Bedeutung? Die Antwort: keiner. <\/strong><\/h1>\n<p>Auf der diesj\u00e4hrigen Berlinale stellte ein Journalist eine Frage an Neil Patrick Harris und seine Co-Stars des Films <em>Sunny Days<\/em>: \u00abDo you consider your art political\u00bb Harris\u2019 Antwort f\u00e4llt ausweichend aus: \u00abI am always interested in doing things that are apolitica.\u00bb Doch Filme sind immer politisch.<\/p>\n<h2><strong>Politisch ist alles<\/strong><\/h2>\n<p>Politisch heisst in diesem Zusammenhang, dass die Filme versuchen, unsere Vorstellung der Welt in eine bestimmte Richtung zu lenken und diese zu ver\u00e4ndern \u2013 manchmal versteckt, manchmal offensichtlich. Das wusste schon George Orwell: \u00abNo book is genuinely free from political bias\u00bb, schrieb er. Diese Aussage l\u00e4sst sich auch auf das Medium Film \u00fcbertragen. Was wir auf der Leinwand sehen, hat politische Kraft. Auch, wenn es sich nicht direkt mit Politik als solcher auseinandersetzt.<\/p>\n<p>Filme sind Spiegel unserer Gesellschaft. Sie sind immer gleichzeitig eine Projektion und ein Abbild der Gesellschaft und der Welt. Filme sind eine Schwelle zwischen Realit\u00e4t und Fiktion, wie Ulrich Hamenst\u00e4dt in \u00abPolitik und Film, ein \u00dcberblick\u00bb feststellt. Auch mit fiktiven Erz\u00e4hlungen schaffen sie Realit\u00e4t. Sie zeigen unser Leben, unsere W\u00fcnsche und \u00c4ngste. So spiegeln sie wider, was uns besch\u00e4ftigt. Doch nicht alle Lebensrealit\u00e4ten nehmen in Filmen Platz ein. Nicht alle Personen werden in Filmen gleichermassen repr\u00e4sentiert. Die Filme, die produziert werden, entscheiden dar\u00fcber, welche Lebenswelten wir sehen. Zudem zeigen sie, wie wir diese beurteilen sollen. Wie auch andere Kunst, bewerten Filme Dinge als gut oder schlecht \u2013 auch wenn das nicht direkt erkennbar ist. (Un)bewusst beeinflussen Filme Normen und schaffen Images. Unsere Aufmerksamkeit wird auf gewisse Dinge gelenkt und von anderen weggelenkt. Dadurch haben Filme die M\u00f6glichkeit, die Ansichten der Zuschauer:innen zu formen.<\/p>\n<p>Das Zeigen und Verstecken von gewissen Aspekten unserer Leben ist ein politischer Akt. Nicht nur, wenn Filme gesellschaftliche Tabus, Formen der Unterdr\u00fcckung oder verschwiegene Realit\u00e4ten portraitieren. \u00abAll issues are political issues\u00bb, so Orwell; neutral ist also keine Thematik. Denn auch die Entscheidung zur Neutralit\u00e4t oder dazu, etwas vermeintlich Unpolitisches zu schaffen, bleibt genau das: eine Entscheidung. Diese ist gepr\u00e4gt von unseren \u00dcberzeugungen und zeigt, was wir als sehenswert einstufen. Sich als unpolitisch zu bezeichnen, zeigt Privileg: Dass politische Ver\u00e4nderungen einem nichts antun k\u00f6nnen, dass vermeintlich keine Gefahr besteht, die eigenen Rechte zu verlieren. \u00abThe opinion that art should have nothing to do with politics is itself a political attitude\u00bb, um Orwell ein letztes Mal zu zitieren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-16629 aligncenter\" src=\"https:\/\/student.unifr.ch\/spectrum\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Angelika_Gesellschaft.jpg\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"240\" \/><\/p>\n<h2><strong>Bedrohung der Meinungsfreiheit<\/strong><\/h2>\n<p>Seitdem es Filme gibt, hat die Politik diese zu ihrem Nutzen verwendet \u2013 zum Beispiel als Mittel f\u00fcr ihre Propaganda. Politische Akteure haben ihre Macht dazu verwendet, die Meinungs- und Kunstfreiheit einzuschr\u00e4nken. Aber das Verbot von Kunst, die der Politik nicht entspricht, ist nicht nur eine Sache der Geschichte. In einer Zeit, in der die Politik immer weiter nach rechts rutscht und die Polarisierung zunimmt, ist das Thema allgegenw\u00e4rtig \u2013 so wie in den USA. W\u00e4hrend die Nationalsozialisten regimekritische Kunst verboten und verfolgt haben, werden in den heutigen USA gewisse B\u00fccher als Schullekt\u00fcre verboten. Durch Listen und Gesetze sind in gewissen Bundesstaaten sogar ganze Themenbereiche tabu. Zudem werden wichtige Themen aus den Lehrpl\u00e4nen gestrichen. Beispielsweise wird die wissenschaftliche Erkl\u00e4rung der Entstehung der Erde mit der christlichen Auffassung davon ersetzt. Vor allem treffen die Verbote B\u00fccher zu LGBTQAI+-Themen und zu historischen Ereignissen. Die Freiheit, jegliche Kunst schaffen zu d\u00fcrfen, ist also nicht selbstverst\u00e4ndlich \u2013 und hat somit politische Bedeutung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"content-block block-border-all\"><strong><em>Orwell: 2+2=5 <\/em><\/strong><em>Neben dem Interview an der Berlinale ist die Idee dieses Artikels vom Inhalt des Films \u00abOrwell:2+2=5\u00bb inspiriert. Der eindr\u00fcckliche Dokumentarfilm von Raoul Peck \u00fcber George Orwell lief dieses Jahr an der 40. Edition des FIFFs. Der Film verbindet historisches Archivmaterial von Orwell mit aktuellen politischen Ereignissen. Dabei zeigt er, wie sich Orwells Gedanken, die er w\u00e4hrend seines Lebens in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts niedergeschrieben hat, auf pr\u00e4zise und teilweise erschreckende Weise auf unsere Gegenwart \u00fcbertragen lassen.<\/em><\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Text<\/strong> Angelika Scholz<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Foto <\/strong>Bruno Araujo auf Unsplash<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"pdf24Plugin-cp\"> \t<form name=\"pdf24Form0\" method=\"post\" action=\"https:\/\/doc2pdf.pdf24.org\/wordpress.php\" target=\"pdf24PopWin\" onsubmit=\"var pdf24Win = window.open('about:blank', 'pdf24PopWin', 'resizable=yes,scrollbars=yes,width=600,height=250,left='+(screen.width\/2-300)+',top='+(screen.height\/3-125)+''); pdf24Win.focus(); if(typeof pdf24OnCreatePDF === 'function'){void(pdf24OnCreatePDF(this,pdf24Win));}\"> \t\t<input type=\"hidden\" name=\"blogCharset\" value=\"Cw1x07UAAA==\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogPosts\" value=\"MwQA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogUrl\" 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