{"id":9843,"date":"2019-03-25T15:35:49","date_gmt":"2019-03-25T14:35:49","guid":{"rendered":"https:\/\/student.unifr.ch\/spectrum\/?p=9843"},"modified":"2019-03-25T15:37:15","modified_gmt":"2019-03-25T14:37:15","slug":"ganz-unten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/student.unifr.ch\/spectrum\/de\/2019\/03\/ganz-unten\/","title":{"rendered":"Ganz unten"},"content":{"rendered":"<h1><strong>Zwei B\u00fccher \u00fcber den Aufstieg von ganz unten und das Lebensgef\u00fchl, nie ganz oben anzukommen.<\/strong><\/h1>\n<p>In seiner Autobiografie \u201eR\u00fcckkehr nach Reims\u201c erz\u00e4hlt Didier Eribon eine Episode aus seiner Schulzeit. Im Gymnasium spielt ihnen der Musiklehrer klassische Schallplatten vor und veranstaltet einen Wettbewerb darum, wer als erstes Titel und Komponist err\u00e4t. ,,W\u00e4hrend die B\u00fcrgerkinder schw\u00e4rmerische Mienen aufsetzten\u2018\u2018, schreibt Eribon, ,,machten wir Arbeiterkinder hinter vorgehaltener Hand alberne Witze; manchmal konnten wir uns auch gar nicht zusammenreissen, schw\u00e4tzten laut und prusteten vor Lachen.\u2018\u2018<\/p>\n<h3><strong><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-9844 aligncenter\" src=\"https:\/\/student.unifr.ch\/spectrum\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Bild_Gesellschaft-960x292.jpg\" alt=\"\" width=\"960\" height=\"292\" srcset=\"https:\/\/student.unifr.ch\/spectrum\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Bild_Gesellschaft-960x292.jpg 960w, https:\/\/student.unifr.ch\/spectrum\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Bild_Gesellschaft-768x233.jpg 768w, https:\/\/student.unifr.ch\/spectrum\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Bild_Gesellschaft-530x161.jpg 530w, https:\/\/student.unifr.ch\/spectrum\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Bild_Gesellschaft.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/>Soziales Kapital<\/strong><\/h3>\n<p>Eine zweite Szene, diesmal aus J.D. Vance\u2018 \u201eHillbilly Elegie\u201c \u00fcber seinen Aufstieg aus dem weissen, amerikanischen Arbeitermilieu. Eines Abends wird er von einer der renommiertesten Washingtoner Anwaltskanzleien in eines der teuersten Restaurants (lauter Superlative!) zum ,,Vorstellungsgespr\u00e4ch\u2018\u2018 eingeladen und stellt fest: Es geht nicht um Studienleistungen, auch nicht darum, wie gut er sich mit Kartellrecht auskennt, vielmehr wird hier seine ,,soziale Tauglichkeit\u2018\u2018 auf den Pr\u00fcfstand gestellt. Ist er ein witziger und charmanter Typ, mit dem man gerne zusammenarbeitet? Beherrscht er die auf solchen Anl\u00e4ssen gefragte Balance zwischen Extrovertiertheit und Zur\u00fcckhaltung? Nun, zun\u00e4chst einmal bringt ihm die Kellnerin ein ,,sparkling\u2018\u2018 Wasser. Wie albern, denkt J.D., das ist nun wirklich ein wenig \u00fcbertrieben, dass die in diesem Restaurant ihr Wasser auch noch als ,,funkelnd\u2018\u2018 bezeichnen. Nimmt einen Schluck \u2013 und spuckt alles wieder aus. Bis jetzt hatte er keine Ahnung, dass so etwas wie Wasser mit Kohlens\u00e4ure existiert.<\/p>\n<h3><strong>Die feinen Unterschiede<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Ein paar Bewerbungsgespr\u00e4che fr\u00fcher kreuzt er in Funktionshosen und Kampfstiefeln auf. Er hat schlicht nicht gewusst, dass es f\u00fcr derartige Situationen einen Kleidungskodex gibt. Es sind solche konkreten Begebenheiten, in welchen die Kluft zwischen ,,denen da unten\u2018\u2018 und ,,jenen da oben\u2018\u2018 fassbar wird. Die den Begriff ,,Habitus\u2018\u2018 mit Leben f\u00fcllen und einem vor Augen f\u00fchren, was Pierre Bourdieu mit den ,,feinen Unterschieden\u2018\u2018 meint. Man bekommt eine Idee davon, wie schwierig es ist, seine Herkunft abzusch\u00fctteln, die einen wie ein Anker permanent abw\u00e4rts zerrt und gerade dann, wenn man sich befreit w\u00e4hnt, von Neuem bremst und z\u00fcgelt. Und weil es die eigenen Wurzeln sind, die man kappen will, k\u00e4mpft man gegen sich selbst.<\/p>\n<h3><strong>Der Mythos vom ,,Winner\u2018\u2018<\/strong><\/h3>\n<figure id=\"attachment_9847\" aria-describedby=\"caption-attachment-9847\" style=\"width: 307px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-9847\" src=\"https:\/\/student.unifr.ch\/spectrum\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Hillbilly_Elegy.jpg\" alt=\"\" width=\"307\" height=\"463\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9847\" class=\"wp-caption-text\">https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/ich-didier-eribon-der-klassenfluechtling-ld.1413158<\/figcaption><\/figure>\n<p>Beiden, Vance und Eribon, geht es nicht nur um ihre pers\u00f6nliche Geschichte des Aufstiegs, immer wieder m\u00fcssen sie sich die allgemeinere Frage stellen: Was bedeutet diese Geschichte f\u00fcr die Millionen Menschen, die dasselbe Los der Geburt traf und es nicht geschafft haben? Warum ist es ausgerechnet mir gelungen, der Macht der Statistiken zu entschl\u00fcpfen? Eribon l\u00e4sst den schwarzen US-Schriftsteller John Edgar Wideman zu Wort kommen, der seinen Bruder im Gef\u00e4ngnis besucht: ,,Wie viele schwarze M\u00e4nner sitzen wie lange im Gef\u00e4ngnis? Man k\u00f6nnte den Verstand verlieren \u00fcber diesen Zahlen (\u2026). Ein h\u00e4sslicher Berg roher statistischer Daten (\u2026), nur diese eine, \u00fcberw\u00e4ltigende Wahrscheinlichkeit: (\u2026) Nichts w\u00e4re heute weniger \u00fcberraschend, als dass ich selbst hinter Gittern s\u00e4sse.\u2018\u2018 Wideman l\u00e4sst sich nicht dazu verf\u00fchren, seinen Aufstieg als Musterbeispiel des amerikanischen Traums hinzustellen und pers\u00f6nliche Leistung, Selbstdisziplin und Optimismus als die entscheidenden Faktoren zu betonen, die ihn als ,,Gewinner\u2018\u2018 von all den anderen ,,Losern\u2018\u2018 abheben. Er anerkennt, dass viele der Bedingungen, denen er seinen Aufstieg zu verdanken hat, ausserhalb seines Einflussbereichs lagen.<\/p>\n<h3><strong>Die Opferrolle anzweifeln<\/strong><\/h3>\n<p>Wenn J.D. an seine Heimat Kentucky denkt und an all die Arbeitslosen, Drogens\u00fcchtigen und Verwahrlosten, dann schaudert er vor dem Gl\u00fcck, das er gehabt hat. Das h\u00e4lt ihn nicht davon ab, an anderer Stelle an die Verantwortlichkeit der Hillbillys zu appellieren. Dass es zu wenig Arbeitspl\u00e4tze gebe, sei nur die eine Seite der Wahrheit. Andererseits habe er oft erlebt, wie jemand in seinem neuen Job keinen Hehl aus seiner Unlust gemacht, die Aufgaben schludrig erledigt habe und st\u00e4ndig zu sp\u00e4t oder gar nicht gekommen sei, sodass nicht wenige Hillbillys einen Job schon nach kurzer Zeit wieder los seien.<\/p>\n<h3><strong>Die Grenzen der Politik<\/strong><\/h3>\n<p>Als Sohn einer tablettens\u00fcchtigen Mutter hat er jahrelang alles aufgesogen, was ihm an Informationen \u00fcber Suchterkrankungen in die Finger kam, und bleibt am Ende doch ratlos zur\u00fcck. Schlussendlich k\u00f6nne er nicht beurteilen, weshalb jemand in die Sucht gerutscht sei und wie schwierig es sei, von ihr loszukommen. Er wisse nur, dass alle N\u00e4chsten seiner Mutter ihr immer wieder eine neue Chance gaben, selbst als die Zahl der Vertrauensbr\u00fcche unz\u00e4hlbar geworden war, und dass ihre Drogensucht nicht auf einen Mangel an Verst\u00e4ndnis und Hilfe zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Manche Verhaltensweisen und Einstellungen, res\u00fcmiert er, k\u00f6nne selbst die beste und sozialste Politik nicht ver\u00e4ndern, das k\u00f6nnten nur die Handelnden selbst. Hat der anonyme Politiker, den er zitiert, recht, wenn er konstatiert, eine Unterschicht werde es wohl immer geben?<\/p>\n<h3><strong>Neoliberalismus und Trump<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-9850 alignright\" src=\"https:\/\/student.unifr.ch\/spectrum\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/Ru\u0308ckkehr-nach-Reims.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"499\" \/><\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>In seiner \u201eR\u00fcckkehr nach Reims\u201c geht Eribon dem Ph\u00e4nomen auf den Grund, wieso Arbeiterinnen und Arbeiter, die fr\u00fcher wie selbstverst\u00e4ndlich kommunistisch w\u00e4hlten, pl\u00f6tzlich genauso selbstverst\u00e4ndlich rechtsextrem abstimmen. Mit schonungsloser Pr\u00e4gnanz seziert er, wie linke Politikerinnen und Politiker im Verlauf der 90er Jahre die Menschen, die sie eigentlich vertreten sollten, im Stich und sich selbst von der neoliberalen Ideologie korrumpieren liessen, die Margaret Thatcher in ihr ber\u00fcchtigtes Statement kristallisierte: ,,There is no such thing as society.\u2018\u2018 Wenn es aber keine Gesellschaft gibt, sondern nur noch das Individuum, dann gibt es auch keine Strukturen, die Menschen in prek\u00e4re Minijobs und w\u00fcrdelose Lebensumst\u00e4nde zwingen, sondern bloss Individuen, die versagt haben. Und irgendwann tun sich diese Einzelnen wieder zu einer neuen Gemeinschaft zusammen, nur hinter neuen Repr\u00e4sentanten und Repr\u00e4sentantinnen, und nicht mehr als ,,Arbeiter\u2018\u2018 gegen die ,,Unternehmer\u2018\u2018, sondern als ,,Franzosen, Amerikaner\u2026\u2018\u2018 gegen die ,,Ausl\u00e4nder\u2018\u2018. Parteien wie der <em>Front National<\/em> oder <em>AfD<\/em> und auch ein Donald Trump geben den ,,Deplorables\u2018\u2018, den ,,Bedauernswerten\u2018\u2018, wie Hillary Clinton sie nennt, ein ihnen lange verwehrtes Gef\u00fchl zur\u00fcck: W\u00fcrde.<\/p>\n<h3><strong>Die Kluft<\/strong><\/h3>\n<p>Sein Leben lang habe er sich in seinen Theorien mit der Arbeiterklasse besch\u00e4ftigt, aber mit ihnen zu tun haben wolle er lieber nichts, reflektiert der Soziologe Eribon. Er sei sich auch im Klaren dar\u00fcber, dass die Menschen, \u00fcber die er schreibt, sehr wahrscheinlich nicht zu seinen Leserinnen und Lesern geh\u00f6ren werden.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: right;\">Text: Johannes Rohwer<\/h3>\n<h3 style=\"text-align: right;\">Bilder:\u00a0<em>Pixabay;\u00a0<\/em><em>nzz.ch\/feuilleton;\u00a0<\/em><em>Wikipedia<\/em><\/h3>\n<div class=\"pdf24Plugin-cp\"> \t<form name=\"pdf24Form0\" method=\"post\" action=\"https:\/\/doc2pdf.pdf24.org\/wordpress.php\" target=\"pdf24PopWin\" onsubmit=\"var pdf24Win = window.open('about:blank', 'pdf24PopWin', 'resizable=yes,scrollbars=yes,width=600,height=250,left='+(screen.width\/2-300)+',top='+(screen.height\/3-125)+''); pdf24Win.focus(); if(typeof pdf24OnCreatePDF === 'function'){void(pdf24OnCreatePDF(this,pdf24Win));}\"> \t\t<input type=\"hidden\" name=\"blogCharset\" value=\"Cw1x07UAAA==\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogPosts\" value=\"MwQA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogUrl\" 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