Das internationale Filmfestival in Fribourg feierte dieses Jahr das 40. Jubiläum. Über die Jahre hat sich das Festival zwar verändert, bedeutsam für die Filmszene aber bleibt es.

Das «Festival International du Film de Fribourg», kurz FIFF, ist eine feste Grösse in der Freiburger Kulturszene. Es findet jedes Jahr im März statt. Dieses Jahr wurde es bereits zum 40. Mal ausgetragen. Philippe Clivaz, der operative Leiter des FIFFs, gibt im Gespräch mit Spectrum mehr Auskunft über die Geschichte und die Bedeutung des Filmfestivals.

Ausschnitte aus den «Liebesbotschaften ans FIFF»

Humanitäre Ursprünge

Das erste Mal fand das FIFF im Jahr 1980 statt. Magda Bossy, die damalige Leiterin der Organisation Helvetas wollte anlässlich des 25. Jubiläums der Organisation Filme aus Asien, Afrika und Südamerika in die Schweiz bringen. Mit der Unterstützung anderer humanitärer Organisationen wurden «Filme aus der Dritten Welt» in verschiedenen Städten in der Schweiz gezeigt. Das Festival hiess anfangs noch «Dritt-Welt-Filmfestival». Die Filmemachenden wehrten sich jedoch gegen diesen Namen, sagten, sie seien nicht aus der «Dritten Welt». Deshalb wurde der Name geändert. Ab der zweiten Austragung wurde Fribourg zum Hauptsitz des Festivals. Im Jahresrhythmus findet das FIFF seit 1992 statt. Unter der Leitung von Martial Knaebel, der bis 2007 beim FIFF mitwirkte, wurden die Filme aus einem oft politischen Grund ausgewählt. Unter der Leitung von Edouard Waintrop (2008 bis 2011) öffnete sich das FIFF gegenüber dem Genre-Kino. Auch unter der aktuellen künstlerischen Leitung von Thierry Jobin (seit 2012), steht das Cineastische mehr im Vordergrund. Jobin ist es auch wichtig, Filme auszuwählen, die in den Herkunftsregionen beliebt sind. «Es braucht nicht nur die politischen Filme», meint Clivaz im Gespräch, «sondern auch die Art von Filmen, die dort populär sind». Clivaz war bereits von 1991 bis 1996 in der Organisation des FIFFs involviert, als Buchhalter und Organisator. «Ich habe die beiden Genres des Festivals kennengelernt», sagt Clivaz. Damit meint er sowohl das rein politische Kino von damals wie auch das Festival, das auch Wert auf die Beliebtheit von Filmen legt. Für die Auswahl der Filme ist jedoch Jobin verantwortlich.

Was macht das FIFF besonders?

Warum gerade Fribourg die richtige Stadt für das Festival ist, konnte Clivaz nicht beantworten. «Ein Teil ist sicher Zufall», sagt er. «Was besonders interessant ist in Fribourg, ist, dass die Leute offen sind, auch die Kulturschaffenden», ergänzt er. Clivaz hatte auch schon in anderen Städten, wie Lausanne, und für andere Filmfestivals, wie Locarno, gearbeitet. «Die Leute sind bereit, Neues zu entdecken», sagt Clivaz über Fribourg, «und das merkt man auch am Publikum des FIFFs.» Viele Besuchende mit einem Generalabonnement gehen während des Festivals zwischen 20- und 40-mal ins Kino. «Das heisst, dass die Leute uns vertrauen und gerne etwas Neues entdecken», sagt Clivaz. Das hängt seiner Meinung nach auch damit zusammen, dass die Filme, die am FIFF gezeigt werden, anderswo kaum zu sehen sind, denn die meisten dieser Filme finden in der Schweiz keinen Verleiher. «Das bedeutet, wenn du den Film nicht in Fribourg schaust, dann ist er mehr oder weniger verloren für dich. Und das ist eine Partikularität des FIFFs», sagt Clivaz.

«Brücken bauen»

Auf die Frage, was das Ziel des FIFFs sei, hat Clivaz eine einfache Antwort: «Brücken bauen. Ich glaube wir sind Brückenbauer.» Das hat sich seit der Entstehung nicht geändert. Dafür sei die Lage in Fribourg auch gut, denn die Stadt liegt an der Grenze von der französischsprachigen Schweiz zur Deutschschweiz – ein perfekter Ort, um Brücken zu bauen. Das Motto des Festivals ist «Le FIFF, le cinéma qui ouvre les yeux», was auf Deutsch so viel bedeutet wie «Kino, das die Augen öffnet». Wichtig sei es, sich gegenüber neuen Kulturen zu öffnen.

«Ich glaube, wir sind Brückenbauer.»

Was das Festival für internationale Filmschaffende bedeutet, drückten sie in Videobotschaften anlässlich der 40. Ausgabe aus. Diese sogenannten «Lettres d’Amour au FIFF» auf Deutsch «Liebesbotschaften ans FIFF» wurden während der Austragung in Dauerschleife gezeigt. Viele betonen darin, wie wichtig das FIFF für sie war, sowohl beruflich wie auch persönlich. «Es gibt einen Austausch zwischen den Leuten, und das gehört zum Brücken bauen dazu», sagt Clivaz.

Diese Videobotschaften sind ein Teil des besonderen Programms anlässlich des 40. Jubiläums. «Die Videos sind der Blick von weit weg nach Fribourg, und wir wollten auch noch von Fribourg ins Weite schauen», sagt Clivaz. Dafür hat das Team des FIFFs 20 Bilder aus dem Archiv herausgesucht, welche während des Festivals in der neuen Bahnhofspassage in Fribourg zu sehen waren. Durch diese Bilder wird ausgedrückt, wie wichtig es dem Organisationsteam war, dass all diese Kunstschaffenden das FIFF besucht haben.

Auch eine Besonderheit der Jubiläumsausgabe ist das Festivalzentrum, welches auf dem Grand-Places in Fribourg aufgebaut wurde. Das «Nomad Wood Nest» ist ein zweistöckiger Holzbau, in dem sich Kinogänger:innen und andere Interessierte gleichermassen treffen können, beispielsweise im Bistro. Es wurde zusammen mit lokalen Unternehmen entwickelt und gebaut. «Ein Filmfestival ist immer versteckt», sagt Clivaz, «und wir haben gesagt, wir müssen sichtbar sein.» Genau für diese Sichtbarkeit soll das Festivalzentrum sorgen, zusätzlich zu den Fahnen und Plakaten, die in der Stadt verteilt sind. «Das ist eine Neuheit anlässlich unseres Jubiläums», sagt Clivaz, «aber eine Neuheit, von der wir hoffen, sie in den nächsten Jahren weiterzuentwickeln.» Damit wollen sie auch ein neues, neugieriges Publikum anlocken.

Verbindung zum Publikum

Das FIFF bringt viele Kulturen zusammen, was einen Teil zum Erfolg des Festivals beiträgt. Aber auch das Programm sei dabei wichtig, wie Clivaz betont. Das Programm des FIFFs spricht verschiedene Publikumsgruppen an. Beim Programm breit aufgestellt zu sein, ist dem Organisationsteam wichtig. Auch viele Schulklassen besuchen das Festival jährlich. «Wir sind das Festival in der Schweiz, das die meisten Schüler:innen ins Kino bringt», sagt Clivaz. Die Klassen kommen dabei nicht zwingend nur aus dem Kanton Freiburg. In den letzten 40 Jahren kamen über 200’000 Schüler:innen im Rahmen des FIFFs in die Kinos.

Das FIFF arbeitet auch mit dem Publikum zusammen. So können die Besuchenden manche Filme in der Sektion «Genrekino: Die Lieblinge des Publikums» sogar selbst auswählen, was eine Besonderheit des FIFFs darstellt. «Wir bleiben in Kontakt mit dem Publikum», betont Clivaz.

Ein Beispiel dafür ist auch ein Kurzfilmwettbewerb, den das Festival veranstaltet, mit dem Namen «Eine Freiburger Geschichte». «Da ist die Idee, dass die Leute aus Fribourg Fribourg erzählen», sagt Clivaz. Jedes Jahr gibt es ein anderes Thema, dieses Jahr war es Eishockey. «Jede Person, die einen Film machen möchte, kann einen Film machen», erklärt Clivaz. Das Publikum kann sich also aktiv am Festival beteiligen und bekommt sogar die Chance, eine Einführung zu einem Film vor dem Publikum zu präsentieren. Jedes Jahr erhalten etwa fünf interessierte Personen die Möglichkeit dazu, natürlich mit Unterstützung des FIFFs. Der partizipative Aspekt zusammen mit dem Schulprogramm «baut eine Filmkultur in Fribourg», sagt Clivaz. Und offenbar auch ein sehr loyales Publikum. «Ich habe im Jahr 1991 Leute getroffen, die immer noch ans FIFF kommen», erzählt Clivaz. Und das, obwohl sich das Festival geöffnet und verändert habe. «Es ist nicht mehr so alternativ, würde ich sagen», meint Clivaz im Gespräch. «Aber die Leute bleiben und finden immer noch, was sie suchen.»

Wichtig sei es für das Organisationsteam auch, die Kultur zu den Leuten zu bringen – jedoch ohne Zwang. «Wir versuchen, nicht elitär zu sein», betont Clivaz. «Das heisst, wir bringen etwas, und die Leute nehmen sich, was sie wollen.» Dass es den Leuten auch gefällt, sei dabei nicht das Hauptziel. «Wir bringen das, von dem wir denken, dass wir es bringen müssen. Dann schauen wir, ob das Publikum das gut findet, oder nicht.» Die Zahlen zeigen klare Zustimmung des Publikums. Dieses Jahr wurde ein neuer Besucherrekord aufgestellt, welcher den von 51’193 offiziellen Eintritten aus dem letzten Jahr übertrifft. «Es muss nicht ein Ziel sein, dass das Publikum wächst», sagt Clivaz, «aber wenn das der Fall ist, heisst das, wir haben nicht die falsche Strasse genommen.»

Ein Blick in die Zukunft

Auf die Frage, wie das FIFF denn in Zukunft aussehen könnte, antwortet Clivaz: «Hoffentlich wird es in Zukunft noch Kinos geben.» Das Besondere am Kino ist laut ihm das Gemeinschaftsgefühl. «Wenn du Filme auf dem Telefon anschaust, bist du allein», sagt Clivaz, «im Kino ist es ein bisschen anders, weil du Emotionen mit Leuten, die du nicht kennst, teilst.» Das Festival geht dabei noch einen Schritt, denn es bietet Raum für Austausch. «Das ist ein Teil unserer Arbeit, das Treffen zu organisieren, damit du deine Emotionen und Reaktionen mit anderen Leuten teilen kannst. Das hoffe ich, wird bleiben», sagt Clivaz. Die 41. Ausgabe des FIFFs ist bereits geplant und wird vom 12. bis zum 21. März 2027 stattfinden.

Text Lina Hofmänner

Foto FIFF