Massentourismus bringt für immer mehr Orte Schwierigkeiten. Obwohl Tourismus für Ortschaften überlebenswichtig sein kann, führt er im Übermass zu Problemen.
Immer mehr Menschen können sich das Reisen leisten. Flüge und Pauschalreisen sind günstiger geworden und Tourismus nimmt an beliebten Reisedestinationen wie Spanien, Italien oder den Malediven immer mehr zu und kann sogar ein Übermass annehmen. Ferienorte werden unter anderem über die sozialen Medien zu einem Trend, was den Ansturm auf diese Orte verstärkt. Auch in der Schweiz ist Massentourismus an Orten wie Lauterbrunnen im Berner Oberland ein Problem geworden.
Massentourismus – was ist das?
Massentourismus, auch Übertourismus oder Overtourism genannt, beschreibt eine Überlastung an Tourist:innen in einer Ortschaft. Wenn die Anzahl Tourist:innen die Kapazität der Ortschaft übersteigt, kann das negative Folgen für die Einwohnenden dieses Ortes haben. Massentourismus kann sich ausserdem negativ auf die Natur auswirken. Es kommt zu einer höheren Plastikverschmutzung, Lebensräume von Tieren werden niedergetrampelt und eingeschränkt, Krankheitserreger werden eingeschleppt und zudem haben viele Transportmittel – wie Flugzeuge oder Kreuzfahrtschiffe – eine schlechte Umweltbilanz. Auch die Einwohner:innen eines Ortes leiden unter Massentourismus. Lebensunterhaltungskosten können stark ansteigen und Wohnungen in Städten werden zu Airbnbs umfunktioniert, wodurch die Einwohner:innen Mühe haben, eine Wohnung zu finden. Zudem sind Strassen und Parkplätze durch die Tourist:innen überfüllt. Hinzu kommt, dass die Arbeit im Tourismusbereich oft mit prekären Arbeitsverhältnissen verbunden ist. Aufgrund der Touristenmassen kann es zudem zu einer Wasserknappheit kommen.
«Tourism kills the city»
Die Einwohnenden der betroffenen Orte wehren sich immer mehr gegen Massentourismus. An mehreren Orten in Spanien und Italien wurde im Sommer des letzten Jahres gegen Massentourismus protestiert. Grossdemonstrationen gab es beispielsweise in Barcelona. Die Aktivist:innen blockierten beliebte Sehenswürdigkeiten wie die Sagrada Familia und schossen sogar mit Wasserpistolen auf die Tourist:innen. Sie demonstrierten gegen Lärmbelästigung, Luftverschmutzung und überfüllte Strassen. Gegner:innen des Tourismus sagen, die Abhängigkeit vom Tourismus lasse die Bevölkerung verarmen. Auch Street Art mit der Aussage «Tourism kills the city» ist in der spanischen Stadt zu finden. Auf Mallorca wurde ebenfalls gegen die «Touristifizierung» protestiert. Im ganzen Land bemängeln die Aktivist:innen ähnliche Probleme. Besonders stark wird kritisiert, dass die Mietpreise aufgrund von Ferienwohnungen ansteigen. Als Reaktion wurde in Spanien die Vermietung von Ferienwohnungen stärker reguliert. Auf den kanarischen Inseln wurde gegen den Bau weiterer Hotels protestiert. Die Insel stehe nicht zum Verkauf, sagten die Protestierenden. Demonstrationen gab es jedoch nicht nur in Spanien, auch in Italien, Portugal, Mexiko und weiteren Ländern wehrten sich die Einwohner:innen gegen Overtourism. Vermehrt kommt es auch zu direkten Konfrontationen mit Tourist:innen. Weltweit nahmen diese Proteste in den letzten Jahren zu.
Problemlösungen
Die Ortschaften müssen Lösungen finden, um die Touristenmassen einzudämmen. Barcelona verbot es beispielsweise Kreuzfahrtschiffen, am Hafen in der Nähe von Wohnquartieren anzulegen. In Amsterdam wurde die Kurtaxe um circa fünf Prozent erhöht. In Venedig müssen Tagestourist:innen an besonders gut besuchten Tagen einen Eintrittspreis zahlen. Dieser Eintritt kostet dieses Jahr zehn Euro pro Tag. Wenn man jedoch mehr als drei Tage im Voraus bucht, muss man nur fünf Euro zahlen. Der Preis muss an 60 im Voraus festgelegten Tagen zwischen April und Juli bezahlt werden. Der Mont-Saint-Michel in Frankreich will mit Bildern in den sozialen Medien, die den Übertourismus zeigen, weitere Tourist:innen von einem Besuch abschrecken. In Florenz wurde eine App entwickelt, die den Besuchenden sagt, welche Attraktionen gerade überfüllt sind. Sie schlägt auch Alternativen vor, die man stattdessen besuchen kann. Damit kann der Touristenstrom zumindest teilweise umgelenkt werden. Etwas ähnliches wurde auch in Luzern gemacht. In Japan wurde die Sicht auf den Fuji-Vulkan abgesperrt, weil es an einem beliebten Fotostandort zu einer starken Müllverschmutzung kam. Diese Absperrung wurde nach erfolgreicher Abschreckung wieder entfernt. Zudem wurde die Infrastruktur ausgebaut, was ebenfalls Wirkung zeigte. Besucherlimits können auch eine Lösung sein.
Massentourismus in der Schweiz
Manche Regionen in der Schweiz sind ebenfalls von Massentourismus betroffen. Orte im Berner Oberland, wie der Oeschinensee oder die Giessbachfälle, werden beispielsweise von Tourist:innen überrannt. Auch hier waren die Sozialen Medien der Grund für die Beliebtheit dieser Reisedestinationen. Eine Massnahme, die von der Verwaltung der Gondelbahn Kandersteg-Oeschinensee dagegen eingeführt wurde, ist ein Online-Reservationssystem. Besuchende müssen im Voraus ein Online-Ticket für ein bestimmtes Zeitfenster reservieren. Bei schlechtem Wetter ist eine Umbuchung möglich. Damit soll sich der Touristenstrom besser verteilen, was auch der Natur zugutekommen soll. Auch bei den Giessbachfällen soll ein Online-Reservationssystem die Lösung sein. Dort ist der Parkplatz neu kostenpflichtig, wofür eine neue Schranke gebaut wurde. Für Hotelgäste ist der Parkplatz inbegriffen, alle anderen Besuchenden zahlen 15 Franken. Das Ticket für den Parkplatz kann auch online gebucht werden. Dieses neue System soll dabei helfen, den Besucherstrom geordneter zu leiten.
Die Gemeinde in Iseltwald am Brienzersee war von Übertourismus betroffen, nachdem ein Holzsteg in einem koreanischen Netflix-Drama zu sehen war. Um dem Touristenstrom entgegenzuhalten, stellte die Gemeinde ein Drehkreuz auf und verlangte Geld für ein Foto auf dem jetzt berühmten Steg.
Die Gemeinde Lauterbrunnen im Berner Oberland wurde auch von Tourist:innen überflutet. Die meisten kommen wegen des Staubbachfalls, dem höchsten freifallenden Wasserfall der Schweiz. Die Besuchenden fahren dafür durch Lauterbrunnen, weshalb sich die Einwohnenden beschwert haben. Es sei, als würde man neben einer Autobahn wohnen, beklagen sie. Auch respektloses Verhalten und herumliegender Müll werden zum Problem. Es kam sogar vor, dass Tourist:innen bei Anwohnenden die Toilette benutzten, wenn diese die Türe nicht abschlossen. Dagegen ist man mit aufstellbaren Toiletten und Flyern, welche das richtige Verhalten erklären, vorgegangen. Auch gibt es Parkwächter:innen, die für einen besseren Verkehrsfluss sorgen. Für Aufsehen sorgte Lauterbrunnen mit der Idee, für Tagestourist:innen eine Gebühr von fünf bis zehn Franken einzuführen. Jedoch wurde diese Idee nie ernsthaft diskutiert. Als Notfalllösung bleibt sie aber bestehen.
Auch Luzern hat ein Tourismusproblem. Dieses Problem will man lösen, indem mehr Individualreisende statt Reisegruppen in die Stadt gelockt werden. Diese bringen mehr Geld und nicht dieselben Schwierigkeiten wie Reisegruppen. Aber auch durch Individualtourismus kann es zu einer Überbelastung kommen. Dann soll der Tourismus umgelenkt werden. Es wurde auch ein Tourismusgesetz eingeführt, welches Finanzielles wie Kurtaxen, Beherbergungs- und Tourismusabgaben festlegt.
Tourismus – Fluch oder Segen?
Neben all den Problemen bringt Tourismus aber auch Vorteile. Heutzutage ist er einer der weltweit wichtigsten Wirtschaftszweige. Durch die Einnahmen, die eine Ortschaft dadurch macht, kann der Lebensstandard der Anwohnenden verbessert werden. Für manche Orte ist der Tourismus überlebenswichtig. Für viele Unternehmen an Urlaubszielen bietet er Chancen. Zudem kann er zu einem Ausbau der Infrastruktur führen und neue Arbeitsplätze schaffen, was der Landflucht entgegenwirken kann. Damit die Orte für Tourist:innen attraktiv bleiben, werden sie in gutem Zustand gehalten und es wird Wert auf Landschaftspflege gelegt. Touristenattraktionen wie Naturpärke, kulturell signifikante Gebäude oder Schutzgebiete werden unter anderem für Tourist:innen instandgehalten. Durch das Reisen kann es zudem zu interkulturellen Begegnungen kommen, was lehrreich ist und Toleranz fördert. Wichtig ist aber auch, dass man sich als Tourist:in respektvoll gegenüber der lokalen Kultur und den Anwohnenden verhält. Allgemein gilt, dass sich die Ansichten auf Tourismus stark unterschieden, je nachdem, ob man selbst davon profitiert oder nicht.
Text Lina Hofmänner
Foto 1 Mattsjc via Wikimedia Commons
Foto 2 JoachimKohlerBremen via Wikimedia Commons
