Fehlendes Wasser, überfüllte Camps, gewalttätige Polizist*innen und Corona. Auf der Insel Lesbos herrschen seit Jahren inhumane Bedingungen für Geflüchtete. Es fehlen Menschenrechte und Evakuierungen.

Über 40’000 geflüchtete Menschen leben in Camps auf den griechischen ägäischen Inseln. Seit Jahren herrscht dort Ausnahmezustand und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Migrations- und Sozialwissenschaftsstudentin Hannah Bombeck hat bis vor kurzem auf Lesbos in einem Flüchtlingscamp gearbeitet und erzählt, wie Menschen auf der Flucht auf Lesbos ausharren müssen, wie die Gewalt die Insel übernahm und wie die Coronakrise das Fass zum Überlaufen bringt.


Hannah Bombeck studiert «Sozialwissenschaften: Migration und Integration» in Mainz. In den letzten Monaten hat die 22-Jährige ein Austauschsemester in der Türkei gemacht und hat anschliessend für 2 Monate auf Lesbos in einem Flüchtlingscamp gearbeitet.

Im Januar bist du im Flüchtlingscamp Pipka auf Lesbos angekommen. Wie war die Lage zu diesem Zeitpunkt?

Anfangs war die Situation noch sehr ruhig, aber ab Februar haben die Geflüchteten aus dem Camp Moria, dem größten Camp auf der Insel, ständig demonstriert. Das Camp ist eigentlich auf 3’000 Menschen ausgelegt, inzwischen wohnen dort aber mehr als 20’000 Menschen unter inhumanen Bedingungen. Deshalb gehen die Menschen auf die Strasse und protestieren. Sie fordern, dass sie nicht wie Gefangene behandelt werden, dass die europäische Union Verantwortung übernimmt und ihnen hilft.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat am 28. Februar die Grenze zu Griechenland nach vier Jahren wieder geöffnet. Was waren die Auswirkungen vor Ort?

Zu diesem Zeitpunkt haben Gruppen von besorgten Bürger*innen und Faschist*innen die Insel übernommen. Sie haben die Menschen, die auf der Insel ankamen mit Gewalt zurückgedrängt und griffen die geflüchteten Menschen und freiwillige Helfer*innen direkt an. Es fühlte sich an wie Anarchie. Man konnte sich nicht einmal mehr auf die Polizei verlassen, denn diese ging auch gewalttätig auf Geflüchtete und Freiwillige los. Ich habe selbst miterlebt, wie Polizist*innen eine Familie zu Boden schubsten und diese anschrie.

 Wie bist du selbst mit dieser Gewalt umgegangen?

Zusammen mit zwei Freundinnen bin ich auf die Polizei zugegangen und habe gesagt, dass es keinen Grund dafür gäbe, gewalttätig zu sein. Daraufhin ist ein Polizist direkt auf meine eine Freundin los und hat sie mit dem Gummiknüppel geschlagen. Als wir ihn darauf hinwiesen, dass er sich völlig falsch verhielt hat er geschrien «There is no law anymore.» Andere Polizist*innen sahen zu und meinten nur: «Fuck you, fuck you, go back to your country.»

Wie geht es den Geflüchteten auf Lesbos?

Sie leben dort sowieso schon unter prekären Bedingungen. In diesen Camps fehlt es an allem. Es gibt keine Heizungen, keine Elektrizität und die hygienischen Bedingungen sind absolut unzureichend. Auch das Wasser wird oft einfach abgestellt. Gerade jetzt mit dem Coronavirus ist dies einfach schrecklich. Der Platz ist sehr beschränkt und im Winter weht ein kalter Wind durch die Zelte. Die Frauen trauen sich nicht mal richtig hinaus auf die Toilette, weil es so gefährlich ist. Einige wünschten sich aufgrund der inhumanen Lebensbedingungen im Camp Moria, sie könnten wieder zurück in ihr Heimatland gehen und das, obwohl die Situation dort unvorstellbar schrecklich ist.

Was tut die Europäische Union?

Die europäische Union spricht schon lange davon, dass sie Geflüchtete von der Insel evakuieren will und vor allem Schutzbedürftige und unbegleitete Minderjährige aufnehmen werden. Am 9. März hat Deutschland angekündigt, 1’500 Kinder aus dem Lager aufzunehmen. Am 12. März hat die europäische Union gesagt, dass sie 1’600 Geflüchtete aufnehmen, das ist so jedoch nicht passiert. Erst vor kurzem hat sich Deutschland bereit erklärt 47 und Luxemburg 12 unbegleitete Kinder aufzunehmen. Was eine mickrige Zahl. Immerzu wird von der europäischen Lösung geredet, aber ich frag mich, wann die kommen soll. Ich denke manchmal daran, dass Deutschland wegen Corona 200’000 deutsche Urlauber*innen zurückholte und 40’000 Erntehelfer*innen nach Deutschland einreisen liess. Aber für 1’600 Geflüchtete ist das offenbar zu kompliziert.

 Die Situation der Geflüchteten auf Lesbos war bereits vorher prekär. Können sie sich unter diesen Bedingungen überhaupt vor dem Coronavirus schützen?

Wenn sich Corona in den Camps ausbreiten würde, dann wäre das eine noch grössere Katastrophe. Die Menschen haben keine Möglichkeit, ihre Hände zu waschen und  «Social Distancing» gibt es nicht. In Griechenland gibt es mindestens bis zum 21. Mai eine Ausgangssperre. Im Camp Moria leben rund 22’000 geflüchtete Menschen, pro Stunde dürfen 100 Menschen das Camp verlassen um sich Nahrungsmittel zu besorgen, alle anderen sitzen im Camp fest.

 Du musstest aufgrund der Coronakrise das Flüchtlingscamp und die Insel verlassen. Wie hast du dich dabei gefühlt?

Es ist einfach ein komisches Gefühl. Auf der Insel wurde mir einmal mehr bewusst, in was für einer privilegierten Rolle ich mich befinde. Es ist unglaublich, dass ich mich einfach in ein Flugzeug setzen kann und zurück nach Deutschland fliege, wo eine gute gesundheitliche Versorgung auf mich wartet. Mein privilegierter Reisepass macht das möglich. Die Geflüchteten bleiben zurück. Diese Ungerechtigkeit macht mich sehr wütend.

Text: Valentina Scheiwiller
Bild: zVg Hannah Bombeck