Eltern sollen ihre Kinder bedingungslos lieben und bei allem unterstützen. Doch wann geht diese Liebe zu weit? Mit dieser Frage werden die Figuren aus dem südkoreanischen Film A Normal Family konfrontiert. Als die  Brüder Jae-wun und Jae-gyu und ihre beiden Frauen herausfinden, dass ihre Kinder die Täter eines brutalen Verbrechens sind, werden die Eltern auf die Probe gestellt. Ein Familiendrama, dass sich über die fast zwei Stunden Laufzeit zum moralischen Thriller entwickelt, und das Publikum muss sich mit den eigenen Moralvorstellungen auseinandersetzten.

A Normal Family, eine Adaption des Romans Het diner des holländischen Autors Herman Koch, handelt von zwei Brüdern, einer davon Anwalt und der andere Kinderarzt. Am Anfang verbindet die beiden eine enge Beziehung. Sie gehen, zusammen mit ihren Frauen, monatlich gemeinsam essen und ihre Kinder im Teenageralter sind auch befreundet. Diese heile Welt wird jedoch gleich zu Beginn der Handlung erschüttert, als der Anwalt einen neuen Fall annimmt. Er soll den Sohn eines reichen Unternehmers vertreten, der in der ersten Szene einen Mann vorsätzlich überfahren hat und dabei dessen kleine Tochter schwer verletzte. Dies verkompliziert die Beziehung zwischen den Brüdern, da der Kinderarzt die verletzte Tochter des Todesopfers behandelt. Sofort werden die Brüder und auch das Publikum mit den beiden konkurrierenden Moralvorstellungen konfrontiert. Der Anwalt will seinen Bruder überzeugen, auf die Mutter des verletzten Kindes einzureden und sie zu überzeugen, einen Deal einzugehen, damit sein Klient freigesprochen wird. Der Bruder ist davon schockiert. Beim nächsten gemeinsamen Essen werden die Spannungen zwischen den Brüdern noch grösser, da sich in der Zwischenzeit herausgestellt hat, dass ihre Kinder, eine Gewalttat vollbracht haben. Zusammen haben die Jugendlichen nach einer Party einen Obdachlosen verprügelt, der nun im Koma liegt. Obwohl die beiden mit einer Überwachsungskamera aufgenommen wurden, konnten sie noch nicht identifiziert werden. Die beiden Elternpaare geraten aneinander, weil jeder der vier eine andere Meinung hat, was die Kinder nun tun sollten. Als der Obdachlose dann im Koma stirbt, wird die Situation noch dringlicher und findet am Ende einen tragischen Ausgang.

A Normal Family ist nichts für schwache Nerven. Je länger der Film andauert, desto mehr muss sich das Publikum mit unangenehmen Fragen auseinandersetzen. Geht die eine Mutter zu weit, wenn sie Blut von der Jacke ihres Sohnes wäscht? Oder liegt der Kinderarzt falsch, als er seinen Sohn dazu bringen will, sich der Polizei zu stellen? Die Spannung von A Normal Family liegt darin, dass man als Zuschauer:in sich ständig fragt, was man selbst tun würde. Würde man das eigene Kind um jeden Preis schützen? Sieht man es nur noch als Monster? Gegen Ende des Films, als der Obdachlose stirbt, gesteht der Sohn dem Kinderarzt, dass er sich unglaublich schlecht fühlt. Da denkt man als Zuschauer:in, dass die beiden Kinder doch ein Gewissen haben. Aber sobald der Anwalt seiner Tochter sagt, dass der Obdachlose gestorben sei, ist ihre erste Reaktion, dass das Ganze nun also ein Ende gefunden habe. Danach  sagt sie ihrem Vater, sie habe das Auto ausgewählt, dass er ihr für den Schulabschluss versprochen hat. Beim Anwalt, der den ganzen Film über mit aller Kraft probiert hat, die beiden Kinder zu schützen, kommen Zweifel auf. Diese bestätigen sich, als er erfährt, dass die beiden Teenager den Obdachlosen vorsätzlich verprügelt haben und sich darüber immer noch amüsieren. Die Einstellungen der Brüder zum Verbrechen haben sich verändert, was durch die Rahmengeschichte des verletzen Kindes und dem dafür verantwortlichen Täter perfekt gespiegelt wird.

Der Titel A Normal Family soll klar ausdrücken, dass auch die normalsten Familien dunkle Geheimnisse verbergen können. Dies wird durch eine kurze Szene im Abspann unterstrichen, wo man die Familie bei einem Fotoshooting für ein Familienportrait sieht. Die normale Familie, die man bei diesem Fotoshooting sieht, ist zum Ende des Films irreparabel zerstört.

 

Text Franziska Schwarz

Bild Festival du Film de Fribourg (FIFF)


Titel: A Normal Family

Land: Südkorea

Regie: Hur Jin-ho

Jahr: 2023

Dauer: 116 Minuten

FIFF-Kategorie: Compétition internationale: Longs métrages

Schweizer Premiere