Eine Intimitätskoordinatorin über ihre Arbeit im Gespräch mit Spectrum.
Serien wie Bridgerton und Heated Rivalry bieten dem Internet Diskussionspotenzial. Was sie gemeinsam haben? Sie sind steamy oder spicy, wenn man es mit Internetslang ausdrücken will. Heisst: Sie zeigen viel Nacktheit, Sexszenen und allgemein, Intimität. Sie wirken spontan, getrieben von der Chemie der Charaktere. Doch in der Realität sind diese Szenen wie jede andere der Szenen: geskriptet, geplant und geprobt. Da kommen Intimitätskoordinator:innen wie Désirée Wenger ins Spiel. Sie spricht mit Spectrum über ihre Arbeit.
Was macht ein:e Intimitätskoordinator:in?
Intimitätskoordinator:innen sind spezialisierte Fachpersonen für performative und simulierte Intimität. Sie sind Expert:innen dafür, Risiken bei Intimitätsszenen einzuschätzen und sind für deren Ablauf und die Choreografien zuständig. Sie sorgen ausserdem dafür, dass die Schauspieler:innen in einem möglichst sicheren und professionellen Rahmen arbeiten können: Dass nur mit ihrer Einvernehmlichkeit Handlungen gespielt werden und dass ihre Grenzen respektiert werden. Désirée hilft dabei, die physische und emotionale Sicherheit der Darsteller:innen zu gewährleisten. Gleichzeitig achtet sie darauf, die kreative Vision der Regie umzusetzen. «Wir sind nicht ‘nur’ Sicherheitsleute. Wir arbeiten auch kreativ.», meint Désirée. Ihr Fokus liegt darauf, dass die Szenen die Geschichte der Charaktere möglichst gut erzählen. «Die Intimitätsszenen sollen etwas zur Geschichte beitragen, sonst bräuchte es diese überhaupt nicht.» Ihre Arbeit ist also technisch und kreativ.
Ihr Arbeitsprozess fängt lange vor Drehbeginn an. Produktionsfirmen fragen Désirée an, die Koordination der Intimität für gewisse Szenen zu übernehmen. Teilweise findet sie auch mehr Szenen in den Skripts, als für die sie angefragt wurde. Désirée muss viel Papierarbeit erledigen. Nach der vertraglichen Abklärung beginnt sie eine erste Risikoanalyse, in dem sie im Skript alle Szenen analysiert, die Intimität beinhalten. Dabei liegt der Fokus nicht nur auf sexueller Intimität. Auch emotionale, kulturelle, und andere nicht-sexuelle Intimität brauchen Aufmerksamkeit: zum Beispiel Szenen der Altenpflege. «Schlussendlich entscheidet die Produktion, für welche Szenen ich dabei bin.» betont Désirée, «Die Produktion trägt dann auch die Verantwortung. Ich kann lediglich eine Empfehlung abgeben. Aber immer, wenn partielle oder ganzheitliche Nacktheit, simulierte sexuelle Handlungen oder sexuelle Gewalt involviert sind, dann sollte, nach internationalen Standards und Empfehlungen, unbedingt ein:e Intimitätskoodinator:in anwesend sein» unterstreicht sie.
In einem vertraulichen Gespräch bespricht Désirée mit den Schauspielenden die Szenen. «Wir besprechen den Szeneninhalt, und ich biete einen Raum für Fragen und Anliegen an. Gleichzeitig schauen wir, wie wir die Grenzen der Schauspielenden respektieren können.» Viel Intimität kann man nämlich mit Tricks faken, zum Beispiel mit Kamerawinkeln.
Geprobte Spontanität für mehr Sicherheit
Je nach Wunsch der Schauspielenden sind die Szenen wie ein Tanz durchgetaktet oder finden in einem bestimmten festgelegten besprochenen Rahmen statt. Darin können sie sich freier bewegen. Das erlaubt Improvisation, die die eigenen Grenzen und die des Gegenübers respektiert. «Dafür braucht es umso mehr Vorbereitung, damit man die Grenzen im Schlaf kennt. Je freier der Rahmen, desto mehr Verantwortung übernimmt man als Schauspieler:in für sich selbst und den:die Szenenpartner:in.» Ausserdem helfen Proben, dass die Choreografie nicht robotisch wirkt. Durch das Anleiten von Atem, Blicken und kleinen Körperbewegungen hilft Désirée, die Szenen zu beleben und Spontanität vorzutäuschen. So wirkt eine Szene wieder echt. Denn echt ist die Intimität keinesfalls – und spontan auch nicht. Schauspieler:innen wie Sean Bean haben in der Vergangenheit Intimitätskoordinator:innen deswegen kritisiert: Sie würden die Spontanität der Szenen verderben. Dazu meint Désirée: «Film hat nichts mit Spontanität zu tun. Es ist das Kernbusiness eines Schauspielers, Szenen spontan aussehen zu lassen.» Auch mit Intimität im echten Leben haben Intimitätsszenen in Filmen und Theater wenig gemeinsam. «Das Einzige, was eine Sexszene mit der Realität gemeinsam hat, ist, je besser man miteinander kommuniziert, desto besser wird sie auch.»
Was auch echt ist: Grenzen können sich jederzeit verändern. «Es ist sehr wichtig, dass sich Schauspieler:innen ermutigt und ermächtigt fühlen, wirklich etwas zu sagen und für sich selbst einzustehen. In unserer Branche bestehen riesige Machtgefälle. Deshalb braucht es eine Person, die keine andere Funktion am Set innehat, und auch keine Machtposition wie Regie oder Produktion bedient, an die sie sich wenden können.» Sonst besteht ein Interessenskonflikt. Aus ihrer Erfahrung weiss sie, «je mehr man die Option hat, selbstbestimmt durch eine Szene zu gehen, desto eher ist man bereit, etwas zu tun.» Druck resultiert im Gegenteil. Désirée plädiert: «Wir müssen einen Raum erschaffen, in dem das Nein genauso willkommen ist, wie das Ja.» Ein Nein kann zu viel besseren Ergebnissen führen, weil man sich nicht mit der erstbesten Idee zufriedengeben kann und weitersuchen muss.

Nicht nur Sean Bean kritisierte die Zusammenarbeit mit Intimitätskoordinator:innen. Andere berühmte Schauspieler:innen wie beispielsweise Jennifer Lawrence sagen, sie bräuchten diese Unterstützung nicht. Über solche Personen denkt Désirée nichts Schlechtes. «Jede:r darf seine:ihre Meinung haben. Ich sehe in solchen Aussagen Angst, dass ihnen etwas weggenommen werden könnte. Ich kann das verstehen.» Sie sieht darin aber noch etwas anderes, was durch die Arbeit mit Intimitätskoordinator:innen hervorkommen kann: «Ich glaube, es kann sehr schmerz- und schambehaftet sein, wenn einem bewusst wird, dass man lange Grenzüberschreitungen erlebt hat und lange Dinge getan hat, die man eigentlich nicht wollte. Die Zusammenarbeit mit uns kann lebensverändernd sein, weil man dann gewisse Sachen nicht mehr durchleben muss.» Wichtig ist aber, dass alle Schauspielenden gleichermassen beachtet und geschützt werden. Denn manchmal beugen sich Produktionsfirmen dem Wunsch eines berühmten Schauspielenden, keine:n Intimitätskoordinator:in anzustellen. Das Problem dabei ist, dass die berühmte Person in der Regel sowieso die am meisten Geschützte ist – nicht aber ein:e weniger bekannte:r Nebendarsteller:in. Missbrauch am Set können Désirée und ihre Kolleg:innen dennoch nicht verhindern. «Wir können aber dazu beitragen, dass das Set sicherer wird.»
Obwohl Désirée in der Schweizer Filmindustrie gute Erfahrungen gemacht hat, bleibt Widerstand, zum Beispiel in Opernhäusern und Schauspielschulen. Diese argumentieren, es habe ja auch ohne Intimitätskoordinator:innen funktioniert. Aber nur weil man es schon immer so gemacht hat, heisst nicht, dass es keinen Missbrauch gab. «Die neue Generation an Schauspieler:innen ist in meiner Erfahrung offen dafür, mit uns zusammenzuarbeiten.» Und Désirée weiss, dass man diese Entwicklung nicht erzwingen kann. «Offenheit wäre schön.» fügt sie hinzu.
Leidenschaft und eigene Grenzen
Auf die Frage, was sie an ihrer Arbeit am meisten mag, meint Désirée: «Mir gefällt es, Dinge ohne Sprache auszudrücken.» Sprachen sind ihre zweite Leidenschaft. Denn vor ihrem Master in Theaterregie hat sie englische und französische Sprach- und Literaturwissenschaft studiert. Ausserdem liebt sie das Choreografieren und dadurch die Vision von jemand anderem umzusetzen. Zudem arbeitet sie in Teilzeit als Lehrperson und freiberuflich als Theaterregisseurin. Auch ihre Arbeitskolleg:innen haben neben der Intimitätskoordination noch andere Standbeine. Das hat Vorteile: Einerseits bietet es Abwechslung. Andererseits gibt es ihnen die Freiheit, Jobs abzulehnen. So können sie auch ihre eigenen Grenzen respektieren.
Gesetze und Guidelines
Eine gesetzliche Verpflichtung, jemanden für die Intimitätskoordination anzustellen, gibt es in der Schweiz nicht – weder in der Film- noch in der Theaterindustrie. In den USA sieht die Lage anders aus. Zwar findet man im US-Gesetz ebenfalls keine Vorgaben, doch die Anwesenheit von Intimitätskoordinator:innen ist vor allem in Hollywood bereits Standard. Das liegt an der Schauspielunion SAG-AFTRA. Diese registriert inzwischen auch Intimitätskoordinator:innen. «Mittlerweile steht in den Verträgen der meisten Schauspielenden in der Union, dass bei Intimitätsszenen eine Person für die Koordination anwesend sein muss. SAG-AFTRA kann das nur, weil sie so mächtig ist und sie eigene Anwälte hat.» In der restlichen Welt hängt die Anstellung eine:r Intimitätskoordinator:in vom guten Willen der Produktionsfirmen ab. «In Schweizer Theatern und Opern ist es noch nicht etabliert, aber in der Schweizer Filmindustrie in den letzten zweiahren immer mehr. Die guten und zuverlässigen Produktionsfirmen machen es auch.» Zusammen mit vier anderen Filmschaffenden hat Désirée den Nationalen Leitfaden für das Drehen intimer Szenen entwickelt und ist mit Déborah Helle und Nathalie Egea Co-Autorin und Übersetzerin des Dokuments. Dieser ändert aber nichts an der Schweizer Rechtslage. Es sind lediglich Empfehlungen, die für einen gewissen professionellen Standard eingehalten werden sollten. Denn abgesehen von fehlenden Gesetzen ist auch die Berufsbezeichnung nicht geschützt. «Es gibt Personen, die die Bezeichnung für sich nutzen, ohne dass sie die nötige Ausbildung, Qualifikation oder Erfahrung haben. Das kann schädlich und gefährlich sein, wenn sie nicht für die Schauspielenden und deren Grenzen einstehen können.»
Die Jobbezeichnung ist eine Erfindung der letzten zehn Jahre. Davor haben gewisse Aufgaben von Désirée und ihren Kolleg:innen andere Filmschaffende in inoffizieller Kapazität übernommen, unter anderem Verantwortliche für die Kostüme. Dabei fehlte der professionelle Rahmen. Oft waren es Personen, die in ihren Leben selbst Diskriminierung und Machtmissbrauch erfahren haben: Frauen, nicht-binäre und rassifizierte Menschen. «Die Filmschaffenden, die sich für bessere Rahmenbedingungen und einen professionelleren Umgang mit Intimitätsszenen eingesetzt haben, waren unsere Vorreiter:innen und haben viel Arbeit geleistet», unterstreicht Désirée. Die #MeToo-Bewegung hat schliesslich den Stein für die Professionalisierung ins Rollen gebracht. Auch heute sind überwiegend Frauen und nicht-binäre Personen Intimitätskoordinator:innen.
Um ein Netzwerk aufzubauen, gründete Désirée Wenger mit Ximena Sànchez 2023 das Kollektiv Intimacy Coordinators and Directors Switzerland (ICDS), heute IC Switzerland (IC Suisse, IC Schweiz, IC Svizzera). Ihr Ziel: Sich mit gleichgesinnten Intimitätskoordinator:innen für mehr Visibilität in der Schweiz einzusetzen und sich auszutauschen. Da es ein neuer Beruf ist, ist ein Netzwerk hilfreich, um gemeinsam Antworten auf Fragen finden zu können. Das Kollektiv bietet ihnen eine vertraute Basis an Personen, die die gleichen Vorstellungen und den gleichen Qualitätsanspruch an ihre Arbeit haben. Ausserdem können sie sich gegenseitig bei ihrer Arbeit unterstützen und bei Krankheit für die anderen einspringen.

https://www.intimacy-coordinators.ch/
Text Angelika Scholz
Fotos Angelika Scholz, Ximena Sànchez
