Fanfiction ist eine beliebte Art, um Lieblingsfilme, -bücher und mehr zu ergänzen. Sex kommt dabei nie zu kurz.

 

Wenn Jugendliche regelmässig am Abend in ihrem Bett sitzen und Pornos schauen, machen sich alle Sorgen. Dies vermittelt den Jugendlichen womöglich ein verzerrtes Bild von Sex und Beziehungen. Wenn jemand aber jeden Abend im Bett sitz und eine Fanfiction darüber liest, wie eine gewöhnliche Teenagerin an One Direction verkauft wird und sich über mehrere Kapitel in einen der englischen Sänger verliebt, erregt das kaum Aufsehen. Verwunderlich, wenn wir bedenken, wie sexuell explizit diese Geschichten sein können und wie jung manche sie lesen. Auf Webseiten wie Wattpad, Archive of our own (Ao3) oder auch Tumblr kann jede und jeder geschriebene Pornographie finden. Der Fantasie ist dabei keine Grenzen gesetzt. Obwohl Amateur*innen die Werke auf diesen Seiten schreiben, können sie den Blick der Leser*innen auf Sex und Intimität bis ins Erwachsenenleben stark beeinflussen.

 

 

Die umfangreiche Welt von Fanfiction

Die Meinung, dass junge Menschen, die viel und regelmässig Pornos schauen, falsche Ideen von Sex entwickeln, ist weit verbreitet. Auch das Lesen von Fanfiction kann solche Auswirkungen haben. Die Webseiten, die von Harry Potter bis Star Wars alle verschiedenen Fangemeinden abdecken, werden vor allem von Jugendlichen und Leuten zwischen 20 und 30 Jahren besucht. Allein Wattpad verzeichnete im Jahr 2021 nach eigenen Angaben 94 Millionen Benutzer. Dazu kommt, dass die Webseiten gratis sind. Die Webseite Ao3, eine der grössten Internetarchive für von Fans kreierte Inhalte, wird rein durch Spenden finanziert. Wattpad und Tumblr sind ausserdem auch noch als App Versionen verfügbar. Fanfiction ist daher einfach für alle zugänglich, vor allem auch für Teenager.

 

Der Markt für Fanfiction ist gross. Dies spiegelt sich darin, dass klassische Verlagshäuser regelmässig erfolgreiche Fanfiction aufnehmen und publizieren. Wohl das berühmteste Beispiel dafür ist die Fifty Shades of Grey Bücher- und Filmreihe, die ihren bescheidenen Anfang als Twilight-Fanfiction auf Wattpad hatte. Dieses Beispiel zeigt, welche Rolle Sex in Fanfictions spielt. Fanfiction endet jedoch nicht bei fiktiven Charakteren. Auch viele berühmte Persönlichkeiten aus Entertainment, Politik und Popkultur kommen darin vor. Besonders beliebt sind Boy Bands. Von One Direction bis zur KPop Band BTS lassen sich zahlreiche Fanfictions finden. Auch über Schweizer Persönlichkeiten wird Fanfiction verfasst. Ein Beispiel dafür ist Die verbotenste Frucht im Bundeshaus von der Schweizer Rapperin Jessica Jurassica. Die Geschichte erzählt von erotischen Abenteuern eines Bundesrates, was bei der Erscheinung des Romans auf heftige Kritik der Bundesregierung stiess.

 

 

„Porn Without Plot“

Fanfiction kann als geschriebene Pornographie gesehen werden. Erotik und Sex spielen in diesen Geschichten eine wichtige Rolle. Viele der Autor*innen bezeichnen ihre Werke im Internet als Porno . Die meisten Leser*innen und Autor*innen sind Jugendliche. Fanfiction stellt für einige den ersten Kontakt mit Sex dar.  Wenn Jugendliche keine umfangreiche sexuelle Aufklärung erhalten haben, kann Fanfiction beeinflussen, wie sie Sex und Intimität wahrnehmen. Vergewaltigung, toxische Beziehungsstrukturen und brutale Darstellungen von Sex sind oft zu finden, ohne dass diese kritische reflektiert werden. Bei einer Befragung an  der Universität von Ontario in Kanada bestätigten die befragten Student*innen, dass diese Geschichten sich darauf auswirkten, wie sie Intimität im echten Leben wahrnahmen.

 

«I told myself that whatever was happening in these stories must be what an average person’s experiences are, and therefore, mine must replicate this.»

 

Die Student*innen sagten jedoch, dass nicht das Lesen selbst negative Folgen hatte, sondern der Fakt, dass sie nicht darüber reden konnten, Fanfiction ist mit viel Scham verbunden. Wenige Leute die Fanfiction lesen oder sogar schreiben, erzählen offen davon. Mit den Gedanken über das Gelesene bleiben sie somit allein. Die gelesenen Fantasien werden im eigenen Kopf weiterentwickelt und können bestimmen, wie Sexualpartner*innen ausgewählt werden. Umso problematischer ist dies, da „Violence“, „Abuse“, „Non-Consensual“ und „Rape“ zu den 100 meistgebrauchten Schlagwörtern auf Ao3 im Jahr 2021 zählten. Eine schwierige Situation entsteht, wenn die sexuellen Extreme, die in Fanfiction vorkommen können, nicht angemessen und offen angesprochen werden.

 

 

Ein Mittel zur Selbstentdeckung

Frauen sind die dominierende Kraft in der Fanfiction-Welt. Deshalb ist es für viele ein Ort, an dem sie ihre eigene Sexualität besser ausleben können. Vor allem im Vergleich zu traditionellen Pornos schafft erotische Fanfiction einen Platz, in dem weibliche Anliegen im Mittelpunkt stehen. Es ist kein Wunder, dass gerade junge Frauen, die ihre sexuellen Bedürfnisse zum ersten Mal entdecken, sich Fantasien hingeben, in denen ihre Lieblingsfiguren oder Stars ihnen ihre volle Aufmerksamkeit schenken. Dies umfasst in erotischen Fanfictions nicht nur den beschriebenen Sex, sondern auch die darum entwickelten Beziehungen. Sogar die Geschichten, die selbst von den Autor*innen als Porno beschrieben werden, bieten eine Handlung und Hintergründe für die Figuren.

 

Das Darstellen von extremen Situationen in Fanfiction kann auch positiv sein. Fanfiction kann einen Raum schaffen, in dem diese Extreme auf ethische Art und Weise erkundet werden können. Anders als bei visueller Pornographie, geschieht alles im Kopf der Leser*innen, ohne Schauspieler*innen zu schaden. Die moralischen Dilemmas gewaltsamer Pornographie gibt es bei Fanfiction nicht. Ausserdem hat Zustimmung in Fanfiction einen grösseren Wert als in anderen erotischen Medien. Lange ermöglichte nur Fanfiction LGBTQ+ Fans sich in ihren Lieblingsgeschichten repräsentiert zu sehen. LGBTQ+ Charaktere mit glücklichen Geschichten waren und sind auch heute noch nicht sehr verbreitet, vor allem in den grossen und erfolgreichen Medienfranchisen. Obwohl Fanfiction problematische Aspekte enthält, denen oftmals eine genügende Kontextualisierung fehlt, bietet sie für viele eine Alternative zur herkömmlichen Pornoindustrie.

 

Von Star Trek und Fifty Shades of Grey bis zum Schweizer Bundesrat

Fanfiction gibt es schon lange. Selbst Shakespeares Hamlet oder seine vielen Königsdramen könnten als eine frühe Form von Fanfiction gelten. Der englische Schriftsteller nahm Figuren aus englischer Geschichte und setzte sie in neue Kontexte. Doch die ersten Fanfictions, so wie sie heute noch existieren, sind auf Star Trek Fans in den 1960er Jahren zurückzuführen. Spock/Kirk Fanfictions, in denen der Kapitän und sein Kollege eine romantische und sexuelle Beziehung führen, wurden zum ersten grossen Fanfiction Phänomen. Aus diesen stammt auch die Bezeichnung „Slash“, die in Fanfiction das Vorkommen von gleichgeschlechtlichen Beziehungen kennzeichnen.

Das Aufkommen des Internets half Fanfiction zu verbreiten und zugänglich zu machen. Heute gibt es zu jeglichen Filmen, TV-Serien oder realen Menschen Fanfiction. Immer öfter gibt es auch Fanfictions, die in eigenständige Bücher und Filme umgewandelt werden. Fifty Shades of Grey war einmal eine Twilight Fanfiction, die After Buch- und Filmreihe wurde von einer Fanfiction über Harry Styles adaptiert und die TV-Serie Shadowhunters basiert auf einer Buchreihe, die als Harry Potter Fanfiction begann. Auch viele der momentan beliebtesten Liebesromane, wie zum Beispiel The Love Hypothesis, fanden ihre Anfänge ebenfalls auf Fanfiction Webseiten.

Fanfiction ist sehr umfangreich. Von Reality TV bis Literaturklassiker, zu praktisch allem finden sich von Fans geschriebene Geschichten. Fanfictions verewigen nicht nur fiktive Charaktere, sondern auch reale Personen. In diesen Geschichten verwandeln sich die Kardashians plötzlich in Superhelden und US-Präsident Joe Biden lebt seinen Traum von einem eigenen kleinen Kaffee, wo er seine Seelenverwandte trifft. Schweizer Berühmtheiten bleiben dabei nicht aussen vor, wie die vom Schweizer Bundesrat inspirierte Fanfiction der Rapperin Jessica Jurassica zeigt.

 


Mehr Infos zu Fanfiction und ihre Auswirkungen:

„Exploring Explicit Fanfiction as a Vehicle for Sex Education among Adolescents and Young Adults“ https://digitalcommons.usf.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=8669&context=etd

 

Text: Franziska Schwarz

Illustration: Emanuel Hänsenberger