Zwischen spontanen Einfällen, Verlagsarbeit und Lesebühnen sind viele Menschen beteiligt. Was treibt sie an und was tragen sie bei?

Seit bald vier Jahren veranstaltet eine Gruppe von Studierenden und Mitarbeiter:innen der Universität Freiburg öffentliche literarische Lesungen im Korso. Während wir im Lesekino die Lesungen fürs nächste Semester planen, habe ich mir ein paar Fragen gestellt. Nicht die grundsätzlichen – wer sich in der aktuellen Ökonomie überhaupt noch Bücher leisten kann, oder woher man die Zeit nehmen soll, sie zu lesen – sondern wie ein Text eigentlich zum vorzeigbaren Buch wird und wie es dann zur Lesung kommt.

Die Lesungen werden vom Departement für Germanistik und dem Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Freiburg in Zusammenarbeit mit Theater in Freiburg präsentiert.

Der Text entsteht…

Als erstes muss ein Text entstehen. Ob mit Füller auf Papier oder mit klackender Tastatur digital, da sind sich die Schriftstellenden nicht einig. Müssen sie auch nicht, wichtig ist nur, dass jede:r ihre:n eigenen Weg findet.

Emma Hänsel macht sich zum Beispiel über den Tag verteilt Notizen auf ihrem Handy oder Notizblock. Sie lässt sich von allem Möglichen inspirieren: Etwas Schönes, das sie gesehen oder gelesen hat, eine tolle Formulierung, die ihr einfällt. Und bastelt dann an ihrem Laptop daran herum, bis es ein Gedicht wird. Letzten Winter hat sie ihren ersten Gedichtband veröffentlicht, das ging so:

«Ich habe mein Manuskript Ende 2024 an mehrere Self-Publishing-Verlage geschickt und einer von denen, die mir geantwortet haben, war der deutsche lyrik verlag. Bei solchen Verlagen zahlt die Autor:in selber für die Produktion und erhält dann einen kleinen Teil der Einnahmen der Bücher, in der Regel ca. 30%. Die vom Verlag lesen dann die Texte Korrektur, setzen sie und sie bieten auch an, das Cover zu gestalten. Ebenfalls übernehmen sie Werbemassnahmen in den Buchhandlungen. Auf diese Art ein Buch zu publizieren, ist eine relativ niederschwellige Art, einen ersten Schritt auf den Buchmarkt zu machen.»

… und nimmt Form an

Und wie ist es, in der Buchhandlung sein eigenes Werk in die Hand nehmen zu können?

«Ein ziemlich gutes Gefühl, weil du an dem Punkt so viele Stunden in dieses Buch reingesteckt hast, in diese Texte, die du gefühlte tausend Mal durchgelesen hast, dass es schon eine ziemliche Belohnung ist, wenn du es endlich als fertiges Produkt in den Händen halten kannst.» erklärt mir Emma Hänsel.

In Form gebracht landete der Text also in den Buchhandlungen. Elena Grundisch kennt sich dort aus. Ich frage sie, welche Bücher zentral positioniert werden und wer entscheidet, wie die Regale beschriftet werden.

«Wie die Regale beschriftet werden und was wir ausstellen, hängt stark von den Medien ab. So gibt es zum Beispiel häufig einen Tisch oder ein Regal mit Belletristik ‚im Gespräch‘. Dort liegen die Werke, die aktuell im Literaturclub auf SRF besprochen werden. Aber auch die Online Community hat einen Einfluss. So stehen bei den Young Adults Büchern viele Tiktok-Empfehlungen oder Romane, die gerade verfilmt wurden. Ausgestellt wird also das, von dem wir hohe Verkaufszahlen erwarten. Entweder weil die Autor:in sehr bekannt sind oder weil es bereits eine grosse (Online) Lesecommunity gibt.».

Über ‚gute‘ Literatur sollte man reden!

Darüber, was ‚gute‘ Literatur ist und ob TikTok-Hypes dazugehören, lässt sich streiten. Prof. Dr. Ralph Müller meint dazu: «TikTok ist aus meiner Sicht das Junkfood der Unterhaltung. Scheinbar für den kleinen Hunger gemacht.» Für ihn ist Literatur sein Lebenselixier, sowohl beim stillen Lesen, aber vielmehr noch im Gespräch mit anderen darüber.

Deshalb hat er mit 2022 begonnen, mit Hilfe von Studierenden Lesungen zu organisieren. Dort werden Autor:innen mit einem Roman oder Gedichtband eingeladen, aus dem sie dem Publikum vorlesen. Der oder die Moderatorin stellt dann Fragen zu Bedeutung und Entstehung des Werkes, so dass ein Gespräch über das Werk entsteht.

Für Autor:innen sind die Honorare von Lesungen eine wichtige Einnahmequelle, denn aus den Buchverkäufen lässt sich nur selten die Zeit auszahlen, die sie in ihre Texte investiert haben.

Gleichzeitig bekommen die Texte durch eine Lesung eine eigene Stimme. Auch ein bekannter Text klingt manchmal durch die Stimme der Autor:innen überraschend anders.

Vor allem bei lyrischen Texten sei die klangliche Dimension des Textes wesentlich. Adela Sophia Sabban, Diplomassistentin am Departement für Germanistik erklärt: «Die klangliche Dimension, die oft auch sinntragend ist, kann nur im lauten Vortrag des Textes vermittelt werden. Eindrücklich war das bei der Lesung von Ulrike Draesner aus doggerland im Oktober 2022. Draesners Sprechen während des Gedicht-Vortrags unterschied sich von ihrem ‚normalen‘ Sprechen signifikant: Sie wechselte z.B. häufiger zwischen verschiedenen Tonhöhen und gestaltete im Lesefluss die Bindung von Wörtern durch längeres Aushalten eines „n“ oder „m“ am Wortende.»

Für Adela Sophia Sabban ist klar: «Literarische Werke, gerade auch Werke, die der Gattung Lyrik zugehören, können Sprache und Wirklichkeit erkunden. Das macht die Auseinandersetzung mit den Werken nicht nur interessant und fruchtbar, sondern auch bedeutsam.»

Chiara Haymoz aus dem Organisationsteam des Lesekinos sieht noch einen weiteren Sinn in den Lesungen: «Es ist ein bisschen wie ein Blick hinter die Kulissen. Man erfährt, wie ein Buch entstanden ist, und das macht das Lesen danach viel persönlicher. Ich gehe zu Lesungen, weil ich neugierig auf die Person hinter dem Text bin. Oft versteht man das Buch besser, wenn man die Autorin oder den Autor sprechen hört.»

Vorhang auf!

Was aber tun, wenn das Werk nicht auf Deutsch verfasst wurde?

Für diesen Fall gibt es glücklicherweise Übersetzer:innen wie Hilde Fieguth. Über den Verlag die Brotsuppe hat sie schon einige französische Werke übersetzt. Auf die Bühne geholt haben wir sie vor Ostern mit ihrer Übersetzung von Laurence Boissiers Roman histoire d’une soulèvement ‚Die Geschichte einer Erhebung‘.

Im Roman „Die Geschichte einer Erhebung“ wird erzählt, wie Laurence sich auf eine 9-tägige Wanderung durch die Alpen begibt, um nicht zum Status einer Zimmerpflanze degradiert zu werden. Damit will sie ihrer Familie und der Romandie beweisen, dass sie durchaus gerne in die Berge geht und nicht nur wie ein Haustier mitgeschleift wird. Der Wanderung ist sie bei Weitem nicht gewachsen und geht ihrer Gruppe mit ihrem Genörgel gehörig auf die Nerven. Der Bergführer Hugh lässt sich davon nicht stören. Im Vergleich mit der Erdgeschichte sind das alles kleine Wehwechen, die ihn nicht kümmern. Ihm geht die ganze Truppe auf die Nerven. Egal ob es um die angebermässig sportliche Magali geht oder das verheiratete Pärchen Esther und ‚Liebling‘, die so sehr aneinander hängen, dass ‚Liebling‘ nicht mal einen richtigen Namen hat. Laurance muss sich unterwegs mit ihrem älter werden abfinden. Nicht, weil sie es kaum die Berge hochschafft, sondern weil der hübsche Thierry kein Interesse an ihr hat.Die Truppe schweisst bei den abendlichen Erdkundelektionen trotz der Strapazen zusammen und gemeinsam lernen sie von Hugh, wie die Alpen entstanden sind und bekommen aus jedem Zeitalter einen Stein als Andenken mit.

Nach Inventaire des lieux (Inventar der Orte ) und Rentrée des classes (Die Schule fängt wieder an) war es der dritte Band von Boissier, den Fieguth übersetzte. Die Erzählung ist auf Deutsch so unterhaltsam wie auf Französisch. Die unumgänglichen Anpassungen nehmen dem Text nichts von seiner Kreativität. Im Gegenteil: So bekam z.B. der Stein Nagelfluh eine wörtliche Übersetzung aus dem Französischen mit angefügtem, geologisch korrektem Namen, denn „Puddingstein“ klingt doch einfach appetitlich.

Während der Lesung hat Hilde Fieguth Passagen aus der deutschen Übersetzung vorgelesen. Einige Abschnitte aus dem französischen Originaltext wurden von Noële Mrazek gelesen. So konnte man sich auch davon einen Eindruck machen.

Fragen zum Prozess der Übersetzung und zum Werk selbst stellte Ralph Müller, der den Abend moderiert hat. Gegen Ende kamen auch noch Sonja Muhlert und Adrian Künzi, die neuen Leiter:innen des Bieler Verlages die Brotsuppe, auf die Bühne und berichteten von ihrer Arbeit. Das waren also ganz schön viele Leute auf der Bühne, aber mindestes so viele braucht es auch, bis ein Text als fertiges Buch präsentiert werden kann.

Text Joana Bösch

Foto Fabio Portmann