Filme verlieren bei Preisverleihungen, weil sie als zu politisch wahrgenommen werden. Filmschaffende bezeichnen sich als unpolitisch, wollen politische Aussagen vermeiden. Aber welcher Film ist schon frei von jeglicher politischen Bedeutung? Die Antwort: keiner.

Auf der diesjährigen Berlinale stellte ein Journalist eine Frage an Neil Patrick Harris und seine Co-Stars des Films Sunny Days: «Do you consider your art political» Harris’ Antwort fällt ausweichend aus: «I am always interested in doing things that are apolitica.» Doch Filme sind immer politisch.

Politisch ist alles

Politisch heisst in diesem Zusammenhang, dass die Filme versuchen, unsere Vorstellung der Welt in eine bestimmte Richtung zu lenken und diese zu verändern – manchmal versteckt, manchmal offensichtlich. Das wusste schon George Orwell: «No book is genuinely free from political bias», schrieb er. Diese Aussage lässt sich auch auf das Medium Film übertragen. Was wir auf der Leinwand sehen, hat politische Kraft. Auch, wenn es sich nicht direkt mit Politik als solcher auseinandersetzt.

Filme sind Spiegel unserer Gesellschaft. Sie sind immer gleichzeitig eine Projektion und ein Abbild der Gesellschaft und der Welt. Filme sind eine Schwelle zwischen Realität und Fiktion, wie Ulrich Hamenstädt in «Politik und Film, ein Überblick» feststellt. Auch mit fiktiven Erzählungen schaffen sie Realität. Sie zeigen unser Leben, unsere Wünsche und Ängste. So spiegeln sie wider, was uns beschäftigt. Doch nicht alle Lebensrealitäten nehmen in Filmen Platz ein. Nicht alle Personen werden in Filmen gleichermassen repräsentiert. Die Filme, die produziert werden, entscheiden darüber, welche Lebenswelten wir sehen. Zudem zeigen sie, wie wir diese beurteilen sollen. Wie auch andere Kunst, bewerten Filme Dinge als gut oder schlecht – auch wenn das nicht direkt erkennbar ist. (Un)bewusst beeinflussen Filme Normen und schaffen Images. Unsere Aufmerksamkeit wird auf gewisse Dinge gelenkt und von anderen weggelenkt. Dadurch haben Filme die Möglichkeit, die Ansichten der Zuschauer:innen zu formen.

Das Zeigen und Verstecken von gewissen Aspekten unserer Leben ist ein politischer Akt. Nicht nur, wenn Filme gesellschaftliche Tabus, Formen der Unterdrückung oder verschwiegene Realitäten portraitieren. «All issues are political issues», so Orwell; neutral ist also keine Thematik. Denn auch die Entscheidung zur Neutralität oder dazu, etwas vermeintlich Unpolitisches zu schaffen, bleibt genau das: eine Entscheidung. Diese ist geprägt von unseren Überzeugungen und zeigt, was wir als sehenswert einstufen. Sich als unpolitisch zu bezeichnen, zeigt Privileg: Dass politische Veränderungen einem nichts antun können, dass vermeintlich keine Gefahr besteht, die eigenen Rechte zu verlieren. «The opinion that art should have nothing to do with politics is itself a political attitude», um Orwell ein letztes Mal zu zitieren.

Bedrohung der Meinungsfreiheit

Seitdem es Filme gibt, hat die Politik diese zu ihrem Nutzen verwendet – zum Beispiel als Mittel für ihre Propaganda. Politische Akteure haben ihre Macht dazu verwendet, die Meinungs- und Kunstfreiheit einzuschränken. Aber das Verbot von Kunst, die der Politik nicht entspricht, ist nicht nur eine Sache der Geschichte. In einer Zeit, in der die Politik immer weiter nach rechts rutscht und die Polarisierung zunimmt, ist das Thema allgegenwärtig – so wie in den USA. Während die Nationalsozialisten regimekritische Kunst verboten und verfolgt haben, werden in den heutigen USA gewisse Bücher als Schullektüre verboten. Durch Listen und Gesetze sind in gewissen Bundesstaaten sogar ganze Themenbereiche tabu. Zudem werden wichtige Themen aus den Lehrplänen gestrichen. Beispielsweise wird die wissenschaftliche Erklärung der Entstehung der Erde mit der christlichen Auffassung davon ersetzt. Vor allem treffen die Verbote Bücher zu LGBTQAI+-Themen und zu historischen Ereignissen. Die Freiheit, jegliche Kunst schaffen zu dürfen, ist also nicht selbstverständlich – und hat somit politische Bedeutung.

 

Orwell: 2+2=5 Neben dem Interview an der Berlinale ist die Idee dieses Artikels vom Inhalt des Films «Orwell:2+2=5» inspiriert. Der eindrückliche Dokumentarfilm von Raoul Peck über George Orwell lief dieses Jahr an der 40. Edition des FIFFs. Der Film verbindet historisches Archivmaterial von Orwell mit aktuellen politischen Ereignissen. Dabei zeigt er, wie sich Orwells Gedanken, die er während seines Lebens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts niedergeschrieben hat, auf präzise und teilweise erschreckende Weise auf unsere Gegenwart übertragen lassen.

Text Angelika Scholz

Foto Bruno Araujo auf Unsplash