Filme sind subjektiv. Doch trotzdem werden jedes Jahr auf der ganzen Welt Filmpreise für die besten Filme vergeben. Hat das noch Sinn?
Oscars, Golden Globe, Palme d’Or oder Goldener Bär, Filmpreise gibt es überall. Wie in anderen Aspekten des Lebens messen wir Menschen auch Filme gerne gegeneinander. Welcher war besser und welcher schlechter? Die Idee einen objektiv besten Film zu finden, klingt absurd, trotzdem probieren wir es jedes Jahr wieder neu. Und nicht nur über Filmpreise, auch individuell messen wir Filme. Egal ob in Gesprächen mit Freund:innen oder über Film Review Webseiten wie Letterboxd, wir vergleichen immer. Wieso tun wir das und sollten wir dies mit Filmen, die Kunst sein sollten, überhaupt tun?
Ein Überblick über Filmpreise weltweit
Bevor es sich lohnt, mit dem Sinn von Filmpreisen auseinanderzusetzten, muss ein Überblick über welche es überhaupt gibt. Der wohl bekannteste Filmpreis ist der Oscar, der Mann aus Gold. Er wird jedes Jahr als die Krönung der Award Season in Los Angeles gesehen. Es gibt den Preis seit 1929 und wird von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences verleiht. Eigentlich heisst der Preis auch gar nicht Oscar, der offizielle Name ist Academy Award, doch in der Allgemeinheit hat der Preis den Namen Oscar bekommen, da die Figur angeblich Ähnlichkeiten mit dem Onkel eines Academy Mitglieds hatte.
Neben dem Oscar gibt es in Hollywood noch viele weitere Preise. Der Golden Globe ist wohl vielen ein Begriff. Weniger bekannt sind wahrscheinlich die Guild Preise. Diese werden von den einzelnen Gewerkschaften in Hollywood verleiht an ihre Mitglieder. Also vergibt die DGA (Directors Guild of America) Preise an Regisseur:innen, die WGA (Writers Guild of America) an Drehbuchautor:innen und SAG-Aftra (Screen Actors Guild of America) an Schauspieler. Weiter gibt es auch kleinere Preise wie den Critic’s Choice Award oder der Independent Film Award, welche typischerweise eher kleinere nicht so bekannten Filme und Filmemacher:innen preiskrönen. Es gibt fast unzählige Preise, die alle eine spezifische Nische des Filmgeschäfts abdecken, so wie der GLAAD Award, welcher Filme und TV-Serien mit queerer Repräsentation auszeichnen oder der NAACP Award welcher sich auf POC-Filmemacher:innen fokussiert.
Aber nicht nur in Hollywood gibt es unzählige Filmpreise, fast jedes Land hat einen eigenen Filmpreis. In England gibt es den BAFTA, in Japan den Japanese Movie Critics Award und auch in der Schweiz haben wir ein eigener Filmpreis, den simpel benannten Schweizer Filmpreis. Dieser wird seit 1998 an Schweizer Filmemacher:innen vergeben, um ihre Kontribution zum Schweizer Kino auszuzeichnen.
Die bekanntesten Filmpreise in Europa sind wohl der Goldene Bär von der Berlinale, der Leone D’Oro vom Filmfestival in Venedig und die sehr begehrte Palme d’Or vom Cannes Filmfestival. Den Goldenen Bären in Berlin und der Leone d’Oro in Venedig gibt es seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Palme d’Or vom Filmfestival in Cannes ist wohl der begehrteste Filmpreis der Welt. Der Filmfestival in Cannes gilt als das beste und bedeutendste im Filmgeschäft. Es findet seit 1946 statt und der Hauptpreis die Palme d’Or, die Goldene Palme, zeichnet die besten Filmemacher:innnen und Filme aus. Viele dieser Gewinner:innen gehen weiter und gewinnen danach in der folgenden Award Season viele der weiteren Preise. Die Palme d’Or ist daher der erste Indikator für die besten Filme und Filmemacher:innen des Jahres.

Die Suche nach Ordnung
Filme sind Kunst. Oder zumindest eine Art von Kunst. Einen Film zu machen ist ein kreativer Prozess, der Kollaboration verschiedener Menschen und Berufen braucht. Ob jemanden ein Film gefällt, ist daher sehr subjektiv. Warum hat das Filmgeschäft und auch Filmenthusiast:innen einen so klaren Drang, diese zu vergleichen und einen als den Besten Film zu bezeichnen?
Grundlegend ist es sehr menschlich, Sachen zu vergleichen. Wir Menschen wollen Dinge in klare Strukturen einordnen. Ist etwas heiss oder kalt? Gross oder klein? Gut oder schlecht? Natürlich tun wir dies dann auch mit Filmen. Der Grund, wieso sich das Filmgeschäft selbst bewertet, wird ein gleicher sein. Die eigene Arbeit in gut oder schlecht einzuteilen, machen wir auch. Es kann als eine Art von Leistungsbewertung oder sogar als Mitarbeitergespräch gesehen werden. Was hat funktioniert, was nicht. Ausserdem gibt es auch objektive Kriterien, um einen Film zu bewerten. Sind die Dialoge gut, macht die Kameraführung Sinn, ist die Musik passend und vieles mehr. Doch wenn man Filmfans weltweit fragt, dann ist Hollywood nicht immer sehr gut in dieser Leistungsbewertung. Oftmals dienen die Filmpreise auch dazu, den Stauts Quo beizubehalten. So gibt es immer wieder Kontroversen darüber, dass nicht die verdientesten Gewinner:innen mit den Preisen davon laufen. Seniorität spielt dabei eine Rolle, vielmals bekommen die Filmemacher:innen, welche schon länger im Geschäft sind mehr Aufmerksamkeit bei Preisverleihungen als Newcomer:innen. Der Drang nach Ordnung ist also auch in diesem Aspekt vorhanden.
Auch Filmfans suchen beim Bewerten von Filmen nach Ordnung. Diese ist aber nicht nur auf die Filme selbst bezogen. Auch Fans können sich selbst einzuordnen über das Bewerten der Filme. Ist man gleiche Meinung wie alle anderen? Hat man «guten Geschmack»? Ausserdem kann man sich gegenüber anderen Filmfans differenzieren. Zu schauen, wer die richtigen Prognosen für Gewinnerinnen und Gewinner macht, zeigt auch, wer ein:e «richtige:r» Filmfan ist. Sich gegenüber anderen als mehr In-The-Know zu zeigen ist auch eine Art der Preiskrönung zumindest für eine Art von Filmfans.
Was ist eine goldene Himbeere?
Die Suche nach den Besten der Besten ist aber nicht die Einzige Art der Kategorisierung, welche in Hollywood stattfindet. Es gibt auch die Suche nach den Schlechtesten der Schlechtesten. Bei den Anti-Oscars werden dazu jedes Jahr die Golden Raspberry, allgemein bekannt als der Razzy, verleiht. Es ist eine Parody Show, welche die schlechtesten Filme und Filmemacher:innen des Jahres auszeichnet. Es gibt dabei auch speziellere Kategorien wie Worst Screen Combo oder Worst Remake, Rip-off or Sequel, welche bei den normalen Preisverleihungen nicht gefunden werden.
Obwohl die Razzies die schlechtesten Filme auszeichnen, wird es von vielen im Filmgeschäft mit Humor genommen. Einige nominierte Stars haben in Vergangenheit sogar an der Preisverleihung teilgenommen und ihren Razzy persönlich entgegengenommen. Sandra Bullock tat dies im Jahr 2010 als sie für ihre Rolle in All About Steve den Razzy als Schlechteste Hauptdarstellerin gewann und den Preis persönlich abholte. Was ihren Gewinn, wenn man das so nennen kann, speziell machte ist, dass Bullock im selben Jahr auch den Oscar für Beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle in The Blind Side gewann. Dazu bemerken muss man, dass die Razzies 24 Stunden vor den Oscars passieren. Eine gewaltige Wendung für die Schauspielerin in wenigen Stunden.
Ein Karriereschub
Das Gewinnen von Filmpreisen sorgt dafür, dass das Profil der Gewinnerinnen und Gewinner einen Schub bekommt. Laut Hollywood Insidern können sich männliche Schauspieler nach einem Oscar Gewinn über eine Gagensteigerung von etwa 80% freuen. Das kann bis über eine Million Dollars mehr pro Film bedeuten. Ihre weiblichen Kolleginnen können sich aber nur, was ihr sehr relativ gesehen werden muss, über etwa 500’000 Dollar Steigerung freuen. Doch nicht nur finanziell kann ein Gewinn sich positiv auf die Karriere auswirken. Für viele Gewinner:innen gibt es im Anschluss vom Sieg bei Preisverleihungen mehr Angebote und vor allem mehr hochrangigere Angebote. Auch nur eine Nomination kann diesen Effekt haben. So werden die Namen der Nominierten in Zukunft immer mit der Einleitung von beispielsweise «Oscarnominierte:r» in Trailers und auf Filmplakaten aufgelistet.
Es stellt sich dann jedoch die Frage brauchen grosse Stars wie Leonardo DiCaprio oder Meryl Streep diesen Schub überhaupt. Sind Preisverleihungen also nur etwas, um eine Gruppe der Elite noch elitärer zu machen? Nicht unbedingt. Natürlich sind Oscar oder ander Preisgewinne für Hollywood Legenden etwas Elitäres. Es sind reiche bekannte Stars, die sich gegenseitig um einen Preis streiten. Doch nicht nur die reichen und schönen Hollywood Stars sind für Filmpreise nominiert und gewinnen diese. Es gibt bei den Oscars und den anderen so bekannten Filmpreisen auch Preise für Dokumentarfilme, für Kurzfilme und für die vielen verschiedenen technischen Sparten des Filmgeschäfts. Auch diese weniger bekannten, dennoch extrem wichtigen Jobs im Filmgeschäft, bekommen wichtige Karriereschubs über das Gewinnen von Filmpreisen. Für diese nicht so bekannten Personen, die ihre Fähigkeiten und Leidenschaft dem Filmgeschäft geben, bedeuten diese Preise sehr viel. Sie können auch eine Lohnerhöhung bedeuten und sorgen vor allem dafür, dass ihre Filme oder ihr Beitrag an einen Film, an Bekanntheit und Respekt gewinnen. Filmpreise sind daher nicht immer nur eine eitle Art grosse Stars als die Besten auszuzeichnen.
Text Franziska Schwarz
Foto Weaver via Wiki Commons
